Schlüsselwörter: Resilienz, Kinderarmut, Schutzfaktoren, Risikofaktoren, soziale Ungleichheit, strukturelle Verantwortung, Resilienzförderung, therapeutische Praxis, AWO-ISS-Langzeitstudie
Der vorliegende Artikel setzt sich kritisch mit dem Resilienzbegriff auseinander und fragt, inwiefern die Rede von individueller Widerstandsfähigkeit dazu beitragen kann, strukturelle Belastungen zu verdecken. Ausgehend von zentralen Linien der Resilienzforschung werden Risiko- und Schutzfaktoren, klassische Längsschnittstudien sowie aktuelle Befunde zu den möglichen Kosten scheinbar gelungener Anpassung diskutiert. Der Beitrag zeigt, dass Resilienz weder als stabile Eigenschaft einzelner Kinder noch als einfache Erfolgsgeschichte verstanden werden kann, sondern wesentlich von sozialen, institutionellen und gesellschaftlichen Kontexten abhängt. Ein Evidenzcheck aktueller Interventionsstudien verdeutlicht, dass individuelle Resilienzförderung zwar sinnvoll sein kann, ihre Effekte jedoch begrenzt bleiben und strukturelle Benachteiligung nicht kompensieren. Anhand der AWO-ISS-Langzeitstudie zur Kinderarmut wird gezeigt, dass Lebenslagen, Beziehungsqualität, Zugänge zu Unterstützungssystemen und verlässliche Institutionen entscheidend dafür sind, ob Kinder und Jugendliche belastende Lebensumstände bewältigen können. Für die therapeutische und pädagogische Praxis folgt daraus: Resilienzförderung ist notwendig, aber nicht hinreichend. Sie muss durch eine konsequente Berücksichtigung sozialer Ungleichheit, institutioneller Verantwortung und struktureller Schutzbedingungen ergänzt werden.