Aus unserer Reihe: Allgemeines Programm

Braun, Hans

„Und wer ist mein Nächster?“

Solidarität als Praxis und als Programm

2003 , 160 Seiten

ISBN 978-3-87159-039-9

12.00 Euro

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Nach wie vor spielen im Alltag der Menschen Unterstützung, Betreuung und Versorgung im sozialen Nahraum eine große Rolle. Neben dieser unmittel­baren Solidarität gibt es die freiwillig geleistete Solidarität in Selbsthilfezusammenschlüssen, Initiativgruppen und ehrenamtlichen Vereinigungen sowie die eingeforderte Solidarität des Sozialstaats. Im Zeitalter der Globali­sierung gewinnt schließlich die internationale Solidarität an Bedeutung, welche besondere Anforderungen an interkulturelles Verstehen stellt. Ausgehend von der Unterscheidung zwischen programmatischer und praktizierter Solidarität werden Voraussetzungen, Erscheinungsformen und Probleme solidarischen Verhaltens in der moder­nen Gesellschaft untersucht und der Zusammenhang zwischen den unter­schiedlichen Ebenen der Soli­darität sichtbar gemacht.


Inhalt:

1 Die Thematisierung von Solidarität
2 Annäherung an das Phänomen
3 Alltägliche Solidarität: Unterstützung und
Betreuung im sozialen Nahraum
4 Inszenierte Solidarität: Selbsthilfe und
soziales Engagement
5 Organisierte Solidarität: Die Rolle des Sozialstaats
6 Internationale Solidarität
7 Solidarität heute: Bindungen und Optionen


Leseprobe:

Solidaritt als Handeln in Verbundenheit

Schulin (1988) zufolge besteht ber das, was mit Solidaritt in einem ganz allgemeinen Sinne gemeint ist, weitgehend Einigkeit (S. 86). Der Begriff verweise auf das empirisch-soziologische Faktum der gegenseitigen Abhngigkeit der Menschen als Grund bzw. Folge ihrer Eigenschaft als Sozialwesen (ebd., S. 86). Diese Abhngigkeit wird als zweischichtig angesehen: Der einzelne ist von den anderen einzelnen abhngig, um lebensfhig zu sein ... (ebd., S. 86). Gleichzeitig gilt, dass der Einzelne in seiner Eigenschaft als Mitglied der verschiedenen Gemeinschaften bis hin zu der Gesellschaft auch von diesen Kollektiven abhngig ist, wie umgekehrt zugleich die Kollektive auf die Untersttzung durch jedes ihrer einzelnen Mitglieder angewiesen sind (ebd., S. 86). In der naturbedingten wechselseitigen Abhngigkeit der einzelnen Menschen untereinander wie auch im Verhltnis zu den Gemeinschaften sieht Schulin die Grundlage fr die sozialethischen Verhaltensanforderungen, die sich mit dem Phnomen der Solidaritt verbinden (ebd., S. 86). Nimmt man also wie Schulin die Tatsache der wechselseitigen Abhngigkeit der Menschen als Ausgangspunkt fr Solidaritt, so ist festzustellen, dass dieses Angewiesensein und die damit verbundene Aufforderung zu solidarischem Handeln von den Beteiligten in sehr unterschiedlicher Weise wahrgenommen werden. So gibt es Sozialbeziehungen, in denen fr die Beteiligten im Allgemeinen keine Alternative zu einem Verhalten besteht, das als solidarisch bezeichnet werden kann. Hier haben die Menschen in der Regel gar kein Bewusstsein davon, dass sie solidarisch handeln. Beispiele hierfr sind die Mutter, die ihre Kinder versorgt, der Ehemann, der seine behinderte Frau pflegt oder die erwachsenen Kinder, die fr ihre hilfsbedrftigen Eltern sorgen. Solches Handeln hat auch in unserer Gesellschaft und auch in einem ausgebauten Sozialstaat nach wie vor einen hohen Grad an Selbstverstndlichkeit; zumindest so lange bestimmte Grenzen der Belastung gewahrt bleiben.
Von dieser impliziten Solidaritt in elementaren Sozialbeziehungen sind jene Formen der Solidaritt zu unterscheiden, die auf eine freie Entscheidung zurckgehen. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn ich mich entschliee, ehrenamtlich in einer Altenbegegnungssttte mitzuarbeiten, Geld fr die Katastrophenhilfe in Asien zu spenden oder Waren zu kaufen, deren Preis ber dem blichen Marktpreis liegt, wobei die Preisdifferenz einer landwirtschaftlichen Genossenschaft in Lateinamerika zugute kommen soll. Fr Hondrich und Koch-Arzberger (1992) stellt solche Solidaritt die also auf einer freien Entscheidung des Einzelnen beruht eine durch und durch moderne Art sozialer Bindung dar: Der einzelne hat nicht nur die Wahl, sich solidarisch oder nicht solidarisch zu verhalten, sondern auch die Wahl zwischen verschiedenen Solidaritten und die Wahl zwischen spontan neuer und dauerhafter Solidaritt (S. 16).
Im Fall der Versorgung chronisch kranker Kinder oder pflegebedrftiger alter Menschen in der Familie ist also so wurde gesagt solidarisches Handeln Teil einer umfassenden Sozialbeziehung und im Bewusstsein der Beteiligten weitgehend alternativlos. Im Fall der freiwilligen Mitarbeit in einem Krankenhausbesuchsdienst ist Solidaritt wiederum Ausdruck einer bewussten Entscheidung. Ein dritter Fall ist nun dadurch charakterisiert, dass Solidaritt explizit eingefordert wird. Das nahe liegende Beispiel ist die Sozialversicherung, der beizutreten alle Brger oder zumindest die Erwerbsttigen unter ihnen verpflichtet sind, und die einen partiellen Ausgleich anstrebt zwischen den Lebenslagen von Alten und Jungen, Gesunden und Kranken, Besitzern eines Arbeitsplatzes und Arbeitslosen. Auch diese Form der Solidaritt ist weitgehend alternativlos, doch ist dies, anders als im ersten Fall, den Beteiligten durchaus bewusst. Sie sind zur Solidaritt verpflichtet auch wenn ihnen am Wohl der Alten, Kranken oder Arbeitslosen gar nicht gelegen ist. Angesichts dieser verschiedenen Ausformungen knnen also eine natrliche, eine freiwillig geleistete und eine eingeforderte Solidaritt unterschieden werden.
Gegeneinander abzugrenzen sind aber auch eine Solidaritt, die am Wohl anderer orientiert ist, und eine Solidaritt, welche der Durchsetzung von Gruppeninteressen dient. Bierhoff und Kpper (1999) treffen in diesem Zusammenhang freilich nicht unwidersprochen die Unterscheidung zwischen einer Solidaritt bei unterschiedlichen Interessen und einer Solidaritt bei gleichen Interessen. Die zweite Form der Solidaritt, von Bierhoff und Kpper auch als Kampf-Solidaritt bezeichnet, gilt als eine entscheidende Ressource der Arbeiterbewegung. Zunchst als Solidaritt in den Auseinandersetzungen mit einzelnen Unternehmern, dann als Solidaritt im politischen Kampf innerhalb eines Landes und schlielich als freilich hufig auf der Ebene der Rhetorik verbleibende internationale Solidaritt der Arbeiterklasse. Aber auch die Unternehmer, die sich an Aussperrungen beteiligen, verstehen ihr Tun als solidarisches Handeln: als Ausdruck der Solidaritt mit den Mitgliedern ihrer Gruppe. Nun hat sich auch wenn manche Sozialnostalgiker dies mitunter immer noch nicht wahrnehmen wollen die Arbeiterbewegung nicht zuletzt aufgrund der Erfolge ihres solidarischen Verhaltens weitgehend verflchtigt, und auch die Unternehmerschaft stellt in vielerlei Hinsicht nur noch eine Fiktion dar. Dies heit allerdings nicht, dass es keine Auseinandersetzungen zwischen Gruppen von Arbeitnehmern und Vertretern des Unternehmenssektors mehr gbe, bei denen die Kampf-Solidaritt der Beteiligten eine Voraussetzung fr die Durchsetzung von Forderungen darstellt.
Indessen sind die Konfliktlinien heute weit unbersichtlicher als vor hundert oder auch noch vor fnfzig Jahren. Gegen wen richtet sich der Streik von Mllwerkern, der Dienst nach Vorschrift von Zollbeamten oder die Verweigerung von nicht lebensnotwendigen Behandlungen durch rzte? Natrlich werden bei Konflikten konkrete Adressaten solchen kampf-solidarischen Handelns genannt: die kommunalen Arbeitgeber, die Bundesregierung oder die Krankenkassen.
Letztlich sind die tatschlich Betroffenen aber hauptschlich andere Brger. Dabei kann es durchaus geschehen, dass der Busfahrer, der mit seinen Kollegen gegen die Stdtischen Verkehrsbetriebe streikt, eine medizinische Behandlung unterbrechen muss, weil sich sein Hausarzt seinerseits an einer Solidarittsaktion gegen einen gesundheitspolitischen Gesetzentwurf beteiligt. In einer Gesellschaft mit sich berlagernden Gruppensolidaritten ist somit jeder, der sich im Interesse einer bestimmten Gruppe solidarisch verhlt, potentiell immer auch Opfer einer anderen Gruppensolidaritt.
Schlielich gibt es noch die Solidaritt, die der Verfolgung von Zielen dient, welche nicht nur im Gegensatz zu den Interessen anderer Gruppen stehen oder keinen Bezug zum Gemeinwohl haben, sondern die auch auerhalb der Legalitt liegen. Auch kriminelle Organisationen sind, um schlagkrftig zu sein, auf die Solidaritt ihrer Mitglieder angewiesen. Verste gegen diese Solidaritt werden nicht selten sogar mit dem Tode geahndet. Die Exekution unzuverlssiger Mitglieder dient hier als Mahnung, die organisationsspezifische Solidaritt ernst zu nehmen. Solidaritt als soziale Praxis beruht also keineswegs immer auf dem sozialethischen Prinzip der Solidaritt: Praktizierte Solidaritt ist in vielen Fllen ethisch indifferent, in manchen Fllen sogar unethisch.


Rezensionen:

„,Solidarität‘ ist ein allgegenwärtiges Thema — im Guten wie im Schlechten. So beklagt man im Kontext der Diskussionen um den Sozialstaat oftmals den Mangel an Solidarität in der Gesellschaft. Andererseits entsteht angesichts großer Tragödien etwa durch Naturgewalten eine überwältigende Solidarität, die sich in handfesten Hilfeleistungen und einem millionenschweren, privaten Spendenaufkommen manifestiert — so beispielsweise bei der jüngsten Flutkatastrophe Ende 2004. Warum wird in bestimmten Fällen Solidarität praktiziert und in anderen nicht? Wie ist Solidarität zu begreifen? Wie wird sie wahrgenommen? Antworten auf diese wichtigen und zugleich spannenden Fragen gibt: Hans Braun, ,Und wer ist mein Nächster?‘ Solidarität als Praxis und als Programm Der Autor, als ordentlicher Professor für Soziologie an der Universität Trier tätig, hat bei seiner Auseinandersetzung mit der Solidarität — wie der Untertitel ankündigt — eine doppelte Perspektive: Es geht sowohl um die Umsetzung der Solidarität in die soziale Praxis als auch um ihre programmatische Verwendung im gesellschaftlich-politischen Diskurs, der sich aus zwei Quellen speist: der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts und der christlichen Theologie. Allerdings kann der Diskurs über Solidarität auch praktische Solidarität begründen. Dies gilt vor allem für die reflektierte praktische Solidarität, von der eine unreflektiert praktizierte Solidarität zu unterscheiden ist. Diese verschiedenen Formen der Solidarität zeigen sich zum Beispiel in den unterschiedlichen Fällen der Versorgung kranker Familienangehöriger als Teil der Sozialbeziehungen, der bewussten Entscheidung zur freiwilligen Mitarbeit in einem Krankenhaus und des ‚Zwangs‘ zur Solidarität etwa in einer Sozialversicherung.
Um die verschiedenen Facetten der Solidarität klarer zu fassen unterscheidet der Verf. drei Ebenen der Solidarität: die Mikroebene mit Hilfeleistungen im sozialen Nahraum (Kap. 3), die über den Nahbereich hinausgehende Mesoebene (Kap. 4) und die staatlich organisierte Makroebene, zu der beispielsweise die sozialstaatliche Daseinsvorsorge zählt (Kap. 5). Auch internationale Solidarität ist der Makroebene zuzurechnen (Kap. 6).
Die Mikrosolidarität zeichnet aus, dass sie Teil eines allgemeinen Lebens- und Handlungszusammenhangs ist, dass es zu ihr kaum eine Alternative gibt, dass sie in der Regel langfristig zu erbringen ist und dass sie weitreichende Folgen für den Alltag und die Lebensperspektiven hat. Dabei muss der Alltag von den Helfenden nicht zwangsläufig negativ erfahren werden, sondern durch Gratifikationen ist ein positives Erleben möglich.
Mesosolidarität beruht, anders als die Solidarität im sozialen Nahraum, auf einem freiwilligen Zusammenschluss von Menschen. Sie wird u.a. durch die Erwartung ausgelöst, dass das gemeinsame Handeln Vorteile bringt und sich der Einsatz auf diese Weise lohnt. Allerdings gibt es auch Formen der Mesosolidarität, die nicht auf eine solche Art der Reziprozität angelegt sind, so vor allem das Ehrenamt. Das spezifische Kennzeichen der Makrosolidarität ist die Verrechtlichung und Institutionalisierung der Hilfeleistungen, die nicht mehr auf Freiwilligkeit beruhen. Eben dies und die starke Monetarisierung der Leistungen wirken sich insofern auf die Mikrosolidarität aus, als die Daseinssicherung weitgehend aus den elementaren Lebensformen wie etwa der Familie losgelöst wird. Zurecht verweist Verf. darauf hin, dass es gilt, die sozialstaatliche organisierte Makrosolidarität wieder in dem Sinne als Chance zu begreifen, dass der Einzelne durch sie in der elementaren Daseinsvorsorge entlastet wird und somit Freiräume für ein soziales Engagement entstehen, das wiederum der Allgemeinheit zugute kommt, wie beispielsweise ehrenamtliche Tätigkeiten.
Die Lektüre des anzuzeigenden Buches ist in Zeiten, in denen es an Solidarität Not tut, dringend anzuempfehlen. Der Leser bekommt hier Hilfen an die Hand, die verschiedenen Formen der Solidarität, ihre Merkmale und Verlaufsformen zu erkennen und zu verstehen. Auf diese Weise helfen die Ausführungen des Autors, einer pauschalen und undifferenzierten Klage über mangelnde Solidarität zu wehren, und decken konstruktive Ansätze auf (vgl. Kap. 5.4 zu den strukturellen Problemen des Sozialstaates). Offensichtlich bewegt sich der Autor auf abgesichertem wissenschaftlichen Fundament, doch ist es sympathisch, wie es ihm zugleich beeindruckend gelingt, die Sachverhalte in einer allgemein verständlichen Weise zu entfalten.“

Alexander Saberschinsky, Die neue Ordnung, 2/2005


„Die Frage des Gesetzeslehrers ,Und wer ist mein Nächster?‘, auf die Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter antwortet, bekommt eine neue Bedeutung angesichts der Prozesse der Globalisierung. Wo Informationstechnologie, Weltwirtschaft und Tourismus uns das einst Ferne nahe bringen, werden Fremde zu möglichen Nächsten. Folgt daraus, dass die Solidarität, zu der uns die christliche Ethik auf ruft, keine Grenzen kennt? Sind wir für alle verantwortlich? Das sind Fragen, die der Autor am Ende seiner Abhandlung aufwirft.
Solidarität nicht nur als praktizierte Zuwendung zu den anderen, sondern auch als programmatisch thematisierend, erkennt er die Verwurzelung der Verpflichtung, sich für alle verantwortlich zu wissen, in den ethischen Ansätzen der Weltreligionen zwar an. Wer sich von seiner Schrift aber eine Grundlegung solidarischen Handelns für das Zeitalter der Globalisierung erwartet, die auch eine religiöse Fundierung einbezöge, geht fehl. Erhofft man sich dagegen eine anschauliche Klärung des Solidaritätsbegriffs, wird man das Buch mit Gewinn lesen. Denn Braun kommt es nicht auf eine Begründung der Verpflichtung zur Solidarität an, sondern auf eine differenzierte Begriffsbestimmung. In ihr werden verschiedene Ebenen der Solidarität unterschieden. Indem Braun die Verpflichtung des Sozialstaates zur Solidarität kritisch betrachtet, lenkt er den Blick auch auf solche Formen solidarischer Praxis, die in einer Gesellschaft, die Solidarität mehr und mehr an staatliche Institutionen delegiert, in Vergessenheit zu geraten drohen. Dass Menschen in der Familie und im sozialen Nahraum füreinander einstehen, wird dabei ebenso anschaulich und mit aktuellem statistischen Material dargestellt wie die vielfältigen Formen ehrenamtlichen Engagements.

Stephanie Bohlen, neue caritas, 15/2004


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